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Freitag, 18. November 2011 um 00:00

if. Mystisch bedeutet «geheimnisvoll», aber auch «verschliessen», nämlich das Verschliessen von Augen, Lippen und Wunden. Was nicht darstellbar ist, darzustellen, was nicht sagbar ist, zu sagen, das ist der Spagat, den Mystiker wagen, und wodurch sie zu tiefsten religiösen Erfahrungen gekommen sind. Wie kann man das Unsagbare, Undenk¬bare darstellen? Dieser Herausforderung stellt sich das Museum Rietberg in Zürich in seiner derzeitigen Ausstellung.

Alle Kuratoren des Museums haben sich daran beteiligt. Sie erheben nicht den Anspruch, das Thema repräsentativ darzustellen, sondern zeigen eine willkürliche Präsentation mystischer Aspekte aus sechs Religionen Europas und Asiens. Das zeigt sich auch im gewichtigen Katalog. Eingelassen in den weissen Einband ist die Reproduktion einer Tuschzeichnung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts: «Mu» – Nichts, von Hakuin Ekaku. Der Luxus unbeschriebener Seiten im Innern des 1,5 kg schweren Bandes: die Kapitelanfänge – immer rechts beginnend – von einer Vacatseite eröffnet, deren Farbe sich von zartem Pastellgrün ins Weiss verliert. Zahlreiche Beiträge, geschrieben von namhaften Autoren auf dem Gebiet der Religionswissenschaft.

Wenn Weiss den Katalog bestimmt, so sind es satte, warme Farben, die die Räume des Abegg-Saals zusammenhalten: Rot, grün und blau sind die Wände gestrichen, an und zwischen denen über 150 Ausstellungsobjekte präsentiert werden. Diese sind thematisch gegliedert, doch ergeben sich durch die Hängung durchaus Bezüge zwischen den einzelnen Themen.Und man kann als Besucher immer wieder einen Schritt vor- oder zurückgehen, um schon Gesehenes nochmals zu bestaunen.

Manches muss man in der Tat wirken lassen. So verzieht man sich in ein kleines Kabäuschen und hört über Kopfhörer die Gedanken Plotins zum «Einen». Oder man schreitet buchstäblich über die Gedichte der Mechthild von Magdeburg und über Meister Eckharts Texte, die auf den Boden und an Wände projiziert werden. Mittels Touchscreen lässt man sich Giottos Wandbilder aus der Oberkirche in Assisi erklären. Ein Film über die tanzenden Derwische huscht an einem Bildschirm vorüber. An der Rückwand erscheint die Welt als Kabbalistische Darstellung als Wandprojek¬tion.

Neben den zahlreichen multimedialen Möglichkeiten, die geboten werden, um dem Begriff der Mystik durch Sprache und Texte näher zu kommen, bilden die Original-Exponate den eigentlichen Höhepunkt der Ausstellung. Eine Fülle von Porträts, Statuen, Tuschmalereien, Kultgegenständen und Handschriften sind zu betrachten.

Die Kombination von Text, Bild und Gegenstand macht den Rundgang zu einem spannenden Ertasten vieler Ausformungen mystischer Erfahrungen.

Die Ausstellung dauert bis 15. Januar.
Eintritt: Fr. 16.–; Katalog: Fr. 49.–.

 

www.rietberg.ch